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Mario Lippoldt, DataCollect

„Wir wollen in den nächsten zwei bis drei Jahren richtig Gas geben“

DataCollect

Seit 1993 führen zwei Pfade zu DataCollect: ein Feldweg und eine Nebenstraße, in der eine Anzeigetafel die Geschwindigkeit ankommender Fahrzeuge sichtbar macht. Entwickelt hat dieses sogenannte DSD-System, auf dem mal ein lächelnder, mal ein empört blinkender Smiley – je nach Berücksichtigung der erlaubten Geschwindigkeit durch den Fahrer – zu sehen ist, DataCollect selbst.
Die Geschwindigkeitsanzeigesysteme des mittelständischen Unternehmens mit Sitz in Kerpen bei Köln gehören zu einem von zwei Sparten seines Produktportfolios. Sie werden dort eingesetzt, wo die sofortige Verhaltensrückmeldung an den Verkehrsteilnehmer und die Warnung vor potenziellen Gefahren Leben retten kann. Dazu zählen nicht nur naheliegende Bereiche wie Kindergärten, Schulen und 30er-Zonen, sondern auch Schifffahrtswege und schlecht einsehbare Werksgelände mit viel Verkehr. Systeme zur Verkehrszählung und Klassifizierung von Fahrzeugtypen, Reisezeit, Verweildauer und die Bewegung eines Fahrzeugs durch die Stadt bilden die zweiten Produktsparte von DataCollect. In einer eigenen Cloudlösung stellt das Unternehmen diese Daten bereit, um beispielsweise Lärmkarten zu errechnen, Verkehrsbauvorhaben zu priorisieren, oder schlicht Entscheidungen in Bezug auf Verkehrsplanung und -steuerung treffen zu können.

Die beschauliche Kerpener Ruhe spiegelt das aktuelle Geschehen im Unternehmen keineswegs wieder. Von hier aus bedient DataCollect seinen Kernmarkt von etwa 13.000 deutschen Kommunen und beliefert punktuell Distributoren im Ausland. Außerdem werden seit einem halben Jahr gezielt Partner in einzelnen Märkten – hauptsächlich in der EU, Großbritannien, Kanada und den USA – gesucht. Dafür wird der Vertrieb organisatorisch umgebaut und personell erweitert.

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Auf die Autobahn der Global Player

Das geplante Ausscheren von der Landstraße auf die Autobahn der Global Player haben die Beteiligungsgesellschafter „Engelhardt Kaupp Kiefer“ zu verantworten, die 2016 gemeinsam mit „Familienmitglied“ Mario Lippoldt bei DataCollect einstiegen. Acht Jahre zuvor hatten sie diesem über einen Headhunter die Position des Geschäftsführers beim Suhler Maschinenbauunternehmen actiro angeboten. Für Lippoldt damals eine willkommene berufliche Herausforderung – dank der er sogar in seinen Heimatort zurückkehren konnte. Als beide Seiten nach dem Exit aus actiro beschlossen, weiter zusammenzuarbeiten, fanden sie in DataCollect das ideale Unternehmen: Es hatte sich bereits beeindruckend entwickelt, aber die Gründer wollten sich zurückziehen. Indem Engelhardt und sein Team mit Lippoldt einen Geschäftsführer ihres Vertrauens einsetzten, integrierten sie das neue Portfoliounternehmen wie selbstverständlich in die Familie.

Die Anbahnungsphase verlief nicht ohne Spannungen

Ohne Knall auf Fall aus DataCollect auszusteigen, konnten also die Gründer, der Physiker Dirk Overzier und der Kaufmann Christoph Herrlich, im jungen Alter von 50 Jahren in Rente gehen. Sie sind noch mit jeweils 20 Prozent am Unternehmen beteiligt und werden somit an der weiteren geschäftlichen Entwicklung, den Dividenden und dem Exit partizipieren. Die heute konstruktive Zusammenarbeit zwischen den Gründungs- und den neuen Gesellschaftern ist das Resultat ausgedehnter Verhandlungen während der Anbahnungsphase, die nicht ohne Spannungen verlief. Insbesondere bei der Erarbeitung des Term-Sheets kam es zu Kontroversen. „Die Transaktion stand zweimal vor dem Scheitern“, erinnert sich Tobias Engelhardt, der die anfänglichen Konflikte auf unterschiedliche Erwartungshaltungen und Erfahrungswerte zurückführt: Während die Beteiligungsgesellschaft zuvor bereits zahllose Transaktionen absolviert hatte, ließen sich Overzier und Herrlich zum ersten Mal darauf ein, Teile eines Unternehmens, dazu noch die ihres „Babys“, in fremde Hände zu geben.

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Empfang mit Brötchen und Maurermarmelade

Der Übergang im Betrieb allerdings verlief „geräuschlos“ – wie es der neue geschäftsführende Gesellschafter Mario Lippoldt ausdrückt. Die Mitarbeiter waren optimal auf den Wechsel vorbereitet worden. Aufgenommen wurde der Neue herzlich mit Brötchen und – wie man im Rheinland so schön zu Hack sagt – Maurermarmelade. Zwei Monate lang kamen Overzier und Herrlich noch jeden Tag ins Unternehmen. Dann riet Mario Lippoldt ihnen, erst einmal Urlaub zu machen, um die Mitarbeiter an die neue Situation zu gewöhnen. „Wenn ich heute mit den beiden spreche, sagen sie, so wie sie es gemacht hätten, sei alles richtig gewesen. Sie können sich jetzt um ihre Familie und ihre Hobbys kümmern und fünf bis sechs Mal im Jahr verreisen“, bemerkt er mit einem Augenzwinkern. Auch betreuen sie auf beiderseitigem Wunsch immer noch Projekte, die sie gewählt haben, und entscheiden in Strategiegesprächen mit.

Mittlerweile werden komplexe Grundsatzüberlegungen gerne auch in lockerer, familiärer Runde erörtert. Auf diese Weise diskutierten alte und neue Gesellschafter beispielsweise ausführlich, wo sie das Unternehmen in fünf Jahren sehen – bis schließlich allen klar war: DataCollect soll Markt- und Technologieführer im Bereich Verkehrsdatenerfassung werden. In den nächsten zwei bis drei Jahren haben sie vor, „richtig Gas zu geben“ und sowohl Forschung und Entwicklung als auch den Vertrieb auszubauen. „Das sind jetzt ganz große Ziele. Und dann laufen wir mal los. Und wer losläuft, kommt irgendwann auch ans Ziel“, sagt Mario Lippoldt.

„Familienrückhalt“ durch Engelhardt, Kaupp, Kiefer

Diese Zuversicht entspringt nicht etwa einer grenzenlosen Naivität oder Selbstüberschätzung. Mit erfahrenen Gesellschaftern im Rücken lassen sich schlichtweg rasantere Schritte machen. Engelhardt Kaupp Kiefer sind dabei nicht nur Kapitalgeber. Sie unterstützen ihre Unternehmen durch Management-Know-how, als Stabsstelle, die organisatorische und rechtliche Belange betreut, auf menschlicher Ebene und durch ihr breites Netzwerk, das nicht zuletzt dank ihrer Beteiligungen exquisite Qualität aufweist. Lippoldt weiß zu schätzen, dass es immer noch „Familie“ im Backoffice gebe, „die Strategien entwickelt und Themen, die DataCollect tangieren könnten, auf dem Zettel hat“. Er selbst könne entspannt tätig sein, ohne alleine das unternehmerische Risiko tragen zu müssen, weil die Verantwortung für Entscheidungen auf mehrere Schultern verteilt würden. Und er sei in der Lage, sich bei völliger Gestaltungsfreiheit ins Tagesgeschäft zu vertiefen, ohne die Unternehmensstrategie aus den Augen zu verlieren.

Diese werde monatlich mit den Gesellschaftern und dem Investment Director Stefan Mertel besprochen – ein fixer Termin für eine gemeinsame Kurskontrolle, auf den sich Lippoldt selbstredend vorbereitet. Anders als inhabergeführte mittelständische Unternehmen spare DataCollect somit Zeit und senke etwaige Risiken signifikant. Konkret zeigt sich das beispielsweise an der Investition in ein neues Enterprise-Resource-Planning-System (ERP), das künftig mit dem bestehenden Customer Relationship Management verbunden werden soll. Einmal eingeführt, sichert das Warenwirtschaftssystem den reibungslosen Ablauf, indem es die Produktionsaufträge steuert.

„Haben wir schon immer so gemacht“ ist keine Option mehr

Erneut wird deutlich, dass Tobias Engelhardt und sein Team Ansätze komplett neu denken, um Möglichkeiten auszuloten, anstatt „haben wir immer schon so gemacht“ zu akzeptieren. Das sei auch nötig, denn in den letzten Jahren habe DataCollect einiges bei der Weiterentwicklung seiner Produkte versäumt, stellt er fest. So habe das Unternehmen beispielsweise zu lange allein auf Radartechnik gesetzt und sich zu wenig mit neuen Technologien beschäftigt. Systeme, die das Parken optimieren oder kompliziertere Verkehrssituationen wie Kreisverkehre erfassen, hätten längst zum Portfolio hinzugefügt werden können. An anderer Stelle wiederum musste man Entscheidungen, die seinerzeit zurecht getroffen wurden, revidieren. So war beispielsweise die Fertigung von den Gründern fremdvergeben worden. Doch werde es sich heute schon im ersten Jahr rechnen, den externen Dienstleister inklusive seiner Mitarbeiter ins Haus zu holen, kalkuliert Mario Lippoldt.

Erfahrungsaustausch im Netzwerk von Engelhardt, Kaupp, Kiefer

Die metaphorische Autobahnauffahrt, die sich DataCollect vor die Haustür baut, nimmt also Form an. Um aber mit Global Playern wie Swarco, Telekom oder Google mitzuhalten, muss das Unternehmen auf weitere Ressourcen der Beteiligungsgesellschaft zurückgreifen. Beispielsweise wird Lippoldt seit Kurzem auf Strategiesitzungen eines anderen Portfoliounternehmens von Engelhardt Kaupp Kiefer eingeladen, um wertvolle Einblicke in dessen Messtechniken zu erhalten. DataCollect wiederum kann in puncto Cloudlösung behilflich sein, da dort noch mit Desktop-Lösungen gearbeitet wird. Lernkurve wie Risiko werden so für beide Parteien gering gehalten, Synergieeffekte optimal unterstützt. Während sich beim Netzwerken üblicherweise niemand in die Karten gucken lassen will, wissen Engelhardt und sein Team, die fundierte Einblicke in ihre Unternehmen haben, wie Erfahrungswerte ausgetauscht werden können. Das Vertrauen ihrer Partner haben sie – nicht nur wegen des gemeinsamen Interesses, alle Parteien voranzubringen, sondern auch dank der engen persönlichen Bindung, die zwischen ihnen und den Unternehmern mit der Zeit entsteht. „Wir sind deshalb sehr glücklich darüber, dass wir Mario Lippoldt in der Familie halten konnten“, bekräftigt Tobias Engelhardt noch einmal.

Das Ziel ist nicht Wachstum um jeden Preis

Bei all dem Speed, den DataCollect derzeit aufnimmt, ist sich Lippoldt dennoch der Gefahren bewusst. Wie beispielsweise des Risikos, Menschen auf dem rasanten Weg zu verlieren, weil sie sich nicht mitgenommen fühlen oder nicht verstehen, was vor sich geht. Ihre Arbeitsbedingungen ändern sich, Prozesse bedingen neue Prozesse, die wiederum einiges von ihnen fordern. Lippoldt betont an dieser Stelle eindringlich, dass das Interesse der Beteiligungsgesellschafter nicht Wachstum um jeden Preis sei. Vielmehr verstünden sie sich als Partner, die ganzheitlich für das Unternehmen denken, und langjährige Mitarbeiter ihrerseits mit Treue belohnten.

Auf der Überholspur wird bald das Gerangel um die Beantwortung grundsätzlicher Fragen beginnen, die die Vielzahl von alten und neuen Marktteilnehmern umtreibt: Wie kann man, statt lediglich reine Messdaten zu liefern, gezielt auf den individuellen Informationsbedarf einzelner Kunden eingehen? Kunden, die zum Beispiel ihre Ampelsteuerung so optimieren wollen, dass zehn Prozent der aktuellen Standzeit gespart wird, oder dass Lkw bevorzugt fahren dürfen, um die Stadt mit möglichst wenig Lärm und Abgasen zu belasten. Letztendlich läuft alles auf die Frage hinaus: Wie wird in Zukunft der Verkehr, der immer weiter zunimmt, anhand flexibel einsetzbarer Kriterien erfasst und gesteuert? Eine Antwort darauf will auch DataCollect liefern – und trotzt mit Chuzpe den Anforderungen, die ein derart komplexer Markt mit sich bringt. Mario Lippoldt gibt sich unerschrocken: „Wir werden unser Alleinstellungsmerkmal finden und den großen Playern mit Schnelligkeit, Flexibilität und einer gehörigen Portion Opportunismus entgegentreten.“

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